Es gibt Zeiten, da ist einfach viel. Viel von allem. Und alles gleichzeitig. Schweres und Leichtes. Abschied und Anfang. Enge und Weite. Und ehrlich gesagt: Das ist anstrengend. Weil wir es gern sortiert hätten. Erst das eine, dann das andere. Ein bisschen mehr Kontrolle. Ein bisschen mehr Übersicht.
Stattdessen: Achterbahn.
Eine Kurve nach der nächsten. Und kaum hast du dich halbwegs gefangen, kommt schon die nächste. Wir versuchen dann, irgendwie klarzukommen. Wir halten fest, was zu halten ist. Wir versuchen zu verstehen. Einzuordnen. Handhabbar zu machen. Während wir das tun, passiert oft etwas ganz Unbemerktes: Wir entfernen uns ein Stück von uns selbst. Wir funktionieren. Wir tun. Aber innerlich wird es enger.
Vielleicht zeigt genau das etwas ganz Wesentliches: Dass Leben nicht entweder-oder ist, sondern beides, gleichzeitig. Die Höhen und die Tiefen. Das Schöne und das Schwere. Ja, auch die Vergänglichkeit gehört dazu. Und zwar nicht als kluger Gedanke, sonderns als Erfahrung, dass Dinge aufhören, Sicherheiten bröckeln und wir nicht festhalten können, was uns wichtig ist.
Gleichzeitig, und das ist die andere Seite, liegt genau darin etwas sehr Lebendiges. Wir sind berührt, weil etwas nicht bleibt. Begegnung bekommt Tiefe, weil sie nicht selbstverständlich ist.
Meine Tochter war 8 Jahre alt, als sie einmal zu mir sagte: „Mama, es ist doch auch gut, dass jetzt so viel Schlimmes passiert ist, sonst würden wir das Schöne doch gar nicht so genießen können.“ Und ich erinnere mich noch gut, wie ich dachte: Ja, da ist etwas dran. Auch wenn ich es mir in dem Moment ganz sicher nicht ausgesucht hätte, denn vielleicht ist es wirklich so: Vergänglichkeit nimmt dem Leben nichts weg. Sie macht es spürbar.
Wenn ich an das Bild der Achterbahn denke, dann geht es gar nicht darum, auszusteigen, sondern eher darum, wie wir fahren. Ob wir uns gegen jede Kurve stemmen oder ob wir uns – zumindest ein Stück weit – hineinlehnen. Wenn wir alles festhalten wollen, nehmen wir die Energie aus einer Kurve mit in die nächste. Dann wird das Schöne plötzlich schwer erreichbar, weil das andere noch nachwirkt. Oder wir reagieren stärker, als wir eigentlich möchten, weil innerlich einfach schon zu viel da ist.
Die Frage ist also nicht: Wie bekomme ich das Leben ruhig? Sondern eher: Wie bleibe ich bei mir – mitten in all dem?
Die Antwort ist simpel. Und … überhaupt nicht leicht: Sei bei dir! Nimm wahr, was ist, ohne es sofort verändern zu müssen! Und ja – ich weiß, wie das klingt. Ein bisschen wie: „Ach, dann nehme ich mir kurz Zeit, spüre einmal rein und alles ist gut.“ Wenn das so einfach wäre, hätten wir das längst erledigt. Kalendereintrag, 17:00–17:10: Bei mir sein. ✔️
So funktioniert es natürlich nicht … und irgendwie doch. Immer wieder, jeden Tag, jeden Moment aufs Neue, sich selbst gewahr werden – nicht als Methode, sondern eher als kleine Unterbrechung. Vielleicht sogar jetzt – in diesem Moment.
Halte einen Moment inne! Nicht lange, aber bewusst – ein Atemzug.
Mehr braucht es oft gar nicht, um für einen Moment aus diesem inneren Mitgerissen-Sein auszusteigen und dann schau: Was ist gerade da? Ohne Bewertung, ohne Sortieren, ohne direkt zu überlegen, was jetzt. Vielleicht ist da: „Das ist schwer.“ „Ich bin müde.“ „Ich bin genervt.“ „Oder traurig.“ Vielleicht auch: „Da ist etwas, das mich freut.“
Und dann: spüren! Nicht denken! Spüren! Die Füße auf dem Boden. Den Atem. Dich selbst.
Das verändert natürlich nichts an der Situation, aber es verändert etwas Entscheidendes: deine Beziehung zu ihr. Du steigst innerlich ein kleines Stück aus der Achterbahn aus – während sie weiterfährt. Plötzlich bist du nicht mehr nur ausgeliefert. Du bist wieder da. In deiner Kraft zu sein bedeutet dann nicht, dass alles ruhig ist, sondern dass du verbunden bist.
Mit dir. Mit dem, was gerade ist. Mit dem, was möglich ist – und auch mit dem, was gerade nicht geht.
Möglicherweise geht es gar nicht darum, das Leben im Griff zu haben. Sondern es auszuhalten in seiner Gleichzeitigkeit. Darin immer wieder einen Punkt zu finden, an dem du stehen kannst. Nicht, weil alles geklärt ist, alles wieder seine Ordnung hat, sondern weil du da bist. Mitten im Leben. Im vollen Leben 😉 Immer wieder.
Also, wo stehst du gerade? Und was gibt es vielleicht zeitgleich noch alles?
P.S.: Wenn es um das Leben und den Tod geht, möchten wir euch noch ein wunderbares Bilder-Buch empfehlen. Leider ist es momentan nicht lieferbar – aber falls ihr es mal irgendwo entdeckt, schnappt es euch 😉
„Das Leben und ich: Eine Geschichte über den Tod“ von Elisabeth Helland Larsen, Marine Schneider, et al.
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